Neuland

Von |2019-05-30T17:54:28+00:0030. Mai 2019|Katzenstories|

Nennen Sie mich naiv, aber ich habe es tatsächlich erst gemerkt, als ich meine seltsame Mitbewohnerin am Telefon sagen hörte: “…ich glaube, es wird leichter, das Klavier zu siedeln als Felice!”
Na bumm! Meine Nackenhaare begannen langsam gen Himmel zu starten. Siedeln? Umziehen? Wohnungswechsel? Das war das Hässlichste, was ich je aus ihrem Mund vernommen hatte. Pfui!

Ich meinte, mich verhört zu haben, aber als ich mich umsah, fiel es mir wie Schuppen aus dem Fell:
Dass ich das alles nicht bemerkt hatte, halbvolle Kartons in allen Ecken, schwindende Möbel, der verhasste Korb, der immer nur bei Tierarztbesuchen zum Einsatz kam. War ich komplett verblödet gewesen, hatte ich das etwa für ein Spiel gehalten?
Ich ziehe nicht um, ich geh‘ hier nicht weg, NIEMALS!

Ich hatte bereits Horrorgeschichten übers Umziehen gehört. Viele meiner Leidensgenossen durften dann nie wieder raus, oder nie wieder rein, je nachdem. Ein Kater aus unserer Straße soll sogar gemeinsam mit dem Müll der alten Wohnung im Wald ausgesetzt worden sein, gemeinhin sagte man dann, er sei “entlaufen”. Ha! Mir gruselte, was würde denn nun aus mir werden? Ich lief zu Jimmy von gegenüber, um mich trösten zu lassen.
Und ganz wie es Jimmys Art war, deprimierte er mich noch mehr. Er meinte, dass die letzte Katze, die hier aus der Straße verschwand, um “umzuziehen”, nie mehr wieder gesehen wurde. Es hieß, sie wurde nach China verfrachtet und landete dort auf einem Restauranttisch. China! Ich konnte ja nicht mal chinesisch!

Jimmy rollte sich zufrieden auf dem Verandatisch zusammen. Kein Wunder, in seinen siebzehn Jahren hatte er durchwegs in diesem Haus gelebt, in dieser Straße, in dieser Stadt. Die einzige Veränderung, mit der er je zurechtkommen musste, war der Einzug seines Kumpels Nasenpetzi, also eigentlich nur Petzi, ich hatte ihm den Spitznamen verpasst, weil ich anfangs so meine Probleme mit ihm hatte. Aber ach, jetzt würde ich zehn Petzis über mich ergehen lassen. Was sage ich, hundert Petzis, tausend!
Ich schlich davon. Jimmy rief mir noch ein “Mieauueu” zu, und erklärte dann, dass dies “Leb wohl” auf Chinesisch hieße.
Mein “Miaaauu” hieß etwas weniger Freundliches, dann zog ich von Dannen.
Fürs Drehbuch: Katze geht ab, für immer.

Vorsichtig kroch ich durch die Katzentüre. Meine Mitbewohnerin saß im Wohnzimmer, als hätte sie auf mich gewartet.
Aber ich wollte nicht auf einer Müllhalde einsam durch die Gegend wandern, in China oder sonst wo, ich wollte nicht am Mittagstisch landen, ich schmeckte ja nicht mal gut!
Aus dem Katzenkorb roch es verführerisch. Aber da konnte meine Mitbewohnerin lange warten, das wär ja glatt so, als ob ich freiwillig aufs Schafott steigen oder im Regen spazieren gehen würde.
Hm, aber was war denn da drin? Oh Mann, mein Lieblingsfutter! Ok, ein Stück, und dann schnell wieder raus. Das war der entscheidende Fehler!
Ich spürte, wie ich von hinten zwar sanft aber sehr energisch angeschoben wurde, und dann hab ich nur mehr flüchtige Erinnerungen. An laute Motorengeräusche, fremde Gerüche und die Stimme meiner Mitbewohnerin, die immer wieder verzweifelt meinen Namen sagte. Na wenigstens schien auch sie zu leiden. Immerhin schaffte ich es, durch die schmalen Öffnungen meines Gefängnisses ihren Pulli zu zerkratzen. Dann wurde es still. Wir waren angekommen, wo auch immer. Ich stieg aus dem Korb und überlegte: Wenn sie vorhatte, mich ins Ausland an eine Restaurantkette zu verschachern oder im Wald auszusetzen, hätte sie dann meine Lieblingsdecke mitgenommen, die jetzt ausgebreitet vor mir lag? Hätte sie mich dann nicht einfach im alten Zuhause gelassen? Hier roch es anders, aber nicht nach Müllhalde, auch nicht nach chinesischem Essen.

Ich sah, ich sah,… ich weiß nicht, ich schnüffelte, ich blickte mich um… Da war sie, mein seltsame Mitbewohnerin und starrte mich erwartungsvoll an. Sie war da, das Klavier war da, und das beste: Ich war auch noch da, wir waren zusammen, pfuh!! Glauben Sie an Gott? Ich schon.

Fortsetzung folgt…

Die Katzenstories sind zwischen 2012 und 2016 im Magazin all4pets als regelmäßige Kolumnen unter dem Titel “Felices Tagebuch” – Katzenjammer erschienen.