Diät mit Schlupfloch

Von |2018-11-11T15:47:11+00:0016. Oktober 2018|Katzenstories|

Vor einiger Zeit hatten wir Besuch. Das heißt, meine Mitbewohnerin hatte Besuch. Ich versteckte mich wie immer unterm Bett. Der Besuch bestand unter anderem aus einem kleinen Mädchen, etwa so groß wie ein Fingerhut, das nicht mal meinen Namen richtig aussprechen konnte. Statt dem schön klingenden “Felice” rief das Gör die ganze Zeit: “Liiiits, Liitss, Liiiiiiiiiiiiitssssss!!” während es mit seinen Patschhänden unters Bett fummelte. Und meine Mitbewohnerin, die Verräterin, hatte nichts Besseres zu tun, als mich auf der anderen Seite abzupassen und direkt in die Hände des Feindes zu legen. Jeder, der nicht auf den Kopf gefallen ist, kann sich denken, was nun geschah. Genau! Ich begann etwas zu zappeln, das Mädchen verlor das Gleichgewicht und fiel direkt auf seinen Windelpopo. Auf dem Weg zurück unters Bett wartete ich auf den obligaten kreischenden Schrei, aber ich hörte nur ein glucksendes Lachen und dann: “Dicke Liiiiiiiiiitsss!”.

Als alle gegangen waren, kam meine Mitbewohnerin zu mir, seufzte und sagte: “Felice, wir müssen was ändern.” Mir soll‘s recht sein, dachte ich mir, ändere du nur was, solange für mich alles gleich bleibt!

Da fuhr sie fort: “Ich glaube, du bist einfach zu . . . , ähm, fett?” Wie bitte? Ich hab schwere Knochen!
Trotzdem lief ich zu Jimmy von Gegenüber und fragte ihn, was er davon hielt. Er meinte, er achte auf sowas nicht, und seit ich nicht mehr den betörenden Duft der „Willigkeit“ ausströme, sei ihm das ohnehin völlig egal. Allerdings informierte er mich beim Weggehen noch darüber, dass es neben Katzentüren auch solche für kleine Hunde geben würde, die wären dann etwas breiter gebaut. Er lachte hämisch, während er seine schlanken schwarzen Körper begutachtete.

Zu Hause angekommen, war mein erster Weg wie immer zum Futtertrog. Doch der war leer! Stattdessen lag dort eine Schnur, an einem Ende war eine Kugel aus Alufolie befestigt, am anderen meine Mitbewohnerin! Was für eine Farce! Was sollte das? Ich machte mich doch nicht lächerlich! Meine Mitbewohnerin zog am Faden. Irgendwas in mir wollte der Kugel folgen. Doch mein Stolz wehrte sich. Ich blickte sie an, dann den Futtertrog. Verstand sie denn nicht?
“Felice, wir machen jetzt immer ein wenig Sport vor dem Essen!”. Sie ließ die Kugel vor meiner Nase hin und her baumeln. Was heißt Sport? Ich trabe täglich die Katzentreppe auf und ab, ich springe noch selbständig vom Bett, ich fange zwar keine Mäuse, beobachte aber Jimmy dabei. Zählte das denn gar nicht?
Ich verließ die Wohnung und ließ mich die ganze Nacht nicht blicken. Schon am nächsten Abend war mein Trog wieder voll. Na also! Allerdings schmeckte der Inhalt nach einer Mischung aus Altpapier und eingetrocknetem Kuhmist. Pfahh! Das konnte doch keiner runterwürgen!
“Das ist spezielles Diätfutter, mit Mineralien und Ballaststoffen, alles, was dein Körper braucht!”
Ich schabte ein wenig neben der Schüssel, um meine Abscheu zu demonstrieren. Dann sprang ich auf die Couch und schlug meine Krallen in die Polster. Ich hörte noch lautes Geschimpfe, bevor ich mich ins Freie verfügte.

Doch das Futterproblem legte sich auch die nächsten Tage nicht. Weder ließ ich mich vom Gefängnisfraß beeindrucken, noch meine Mitbewohnerin sich von meinem Argwohn. Ich fing wieder an, Dinge zu zerfetzen, machte sogar einmal mein Geschäft direkt vor die Eingangstür. Irgendwie muss man sich ja doch behaupten! Es war ein Machtkampf, den wir zuletzt hatten, als ich in diese Wohnung einzog und die Regeln festsetzte.

Nach zwei Wochen war meine Mitbewohnerin mit ihren Nerven am Ende und hatte doch tatsächlich drei Kilo abgenommen! Da hatte ich eine Idee. Ich fing an, das Papierfutter zu fressen, kratze nur mehr an dafür vorgesehenen Stellen und war auch sonst wieder ganz die alte. Meine Mitbewohnerin nahm wieder zu und ich freute mich. Alles war in Butter. Dass sich an meinem Gewicht offensichtlich nichts änderte, schien niemanden mehr zu kratzen.

Nur Jimmy beklagt sich noch hin und wieder darüber, dass wohl irgendwer aus der Nachbarschaft heimlich an seinem Futtertrog nascht. . .

Die Katzenstories sind zwischen 2012 und 2016 im Magazin all4pets als regelmäßige Kolumnen unter dem Titel “Felices Tagebuch” – Katzenjammer erschienen. Link zum Magazin:

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