Fellstudien

Von |2018-11-11T15:54:45+00:0011. November 2018|Katzenstories|

Kürzlich eröffnete meine seltsame Mitbewohnerin ein Gespräch mit den Worten: “Felice, es wird mal wieder Zeit. . .”

So schnell konnte die Katzentüre gar nicht auf und zu schwingen, dass ich nicht bereits die Katzentreppe runter gehoppelt war und das Weite gesucht hatte. Denn Sätze, die so beginnen, verheißen niemals, ich wiederhole NIEMALS, etwas Gutes.

Und Schuld daran sind nur die doofen Telemietzen, so nennen wir in meiner Welt jene hochfrisierten, geschleckten Exemplare, denen völlig das Schamgefühl fehlt und die sich medial prostituieren und damit den gesamten Katzenruf weltweit diskreditieren. Jawohl!

Oder glauben Sie wirklich, wir sehen wie aus dem Ei gepellt aus, wenn wir nach sechs bis acht Stunden Schlaf mit der Pfote am Auge aus dem Traum gerissen werden? Oder denken Sie tatsächlich, dass wir aus Kilometer Entfernung, über Hausdächer hinweg, erschnüffeln können, wenn Sie eine ganz bestimmte Katzenfutterdose öffnen? Und meinen Sie, dass eine rein weiße Wohnzimmercouch  kein einziges unserer Härchen frisst oder wir nach hundert Gramm Frischfleisch noch immer nicht aus dem Mund riechen? Glauben Sie das im Ernst? Meine Mitbewohnerin leider schon. Vor allem, wenn sie aus Krankheitsgründen wieder ein Wochenende vor dem Fernseher verbracht und eine Überdosis dieser Rampenpfotler abbekommen hat.

Als ich mit abstehendem Fell und verstörtem Gesichtsausdruck bei Jimmy von Gegenüber auftauchte, fragte sein Blick nur: “Telemietzenattacke?”, und mein selbiger antwortete: “Und ‘Es-wird-mal-wieder-Zeit-Alarm’!”. Darauf er: “Dasselbe!”

Gemeinsam überlegten wir, was bei mir nun diesmal anstehen könnte. Es wird mal wieder Zeit. . . zum Tierarzt zu gehen? Nein, das hatten wir doch erst. Das Zeckenband anzulegen? Ein Horrorszenario. Meist liegt das Band am nächsten Tag irgendwo im Gebüsch, weil ich nicht eher Ruhe gebe, bis das Ding von meinem Hals ist. Oder stellen Sie sich mal vor, ein halbes Jahr über eine Schanzkrawatte am und im Nacken zu haben.

Wenn meine Mitbewohnerin nicht beschlossen hatte, dass es mal Zeit würde, das Haustier zu wechseln, blieb wohl nur noch die Fellpflege. Diese Prozedur mag ich gar nicht, denn alles, was übers reine Frisieren hinausgeht, zwickt am Körper und irritiert mich daher. Vor allem, wenn sich währenddessen, wie im letzten Jahr, neben mir ein Haufen meines Unterfells auftürmt. Jimmy meinte, ich solle doch froh sein. Er sei mal einige Monate mit einem Stück Lutscher am Bauch herumgerannt, weil er sich geweigert hatte, von seiner Mitbewohnerin das Fell faconiert zu bekommen. Irgendwann hatte er aufgehört, sich über die Ameisen zu wundern.

Als Petzi, Jimmys neuer junger Mitgenosse, mit seinem weichen roten Fell und seinem jugendlichen Körper des Weges kam, drehten wir uns demonstrativ zur Seite. Nasenpetzi war ein Streichelgeier. Das sind jene unserer Gattung, die sich anbiedernd von jedem beliebigen Menschen streicheln lassen, und die bei der Vergabe von Stolz wohl gerade am Katzenklo waren. Wir einigten uns darauf, dass Telemietzen nur noch von diesen unterboten würden. Vor allem, weil letzteren wohl der Promibonus fehle. Kein Wunder, dass Petzis Fell wie ein Kinderpopo glänzt, so oft, wie der befummelt wird. Kein Wunder, dass ihn alle Menschen mögen. Dass Jimmy und ich nur von unseren Mitbewohnerinnen geliebt werden, ist uns auch “schnurrrrtz”. Wenigstens behalten wir unsere Würde.

Wir kamen überein, dass die Schönen und Großen dieser Welt an unser aller Unglück schuld seien. Und auch die Hässlichen und Kleinen, egal, eben alle anderen, die es nötig hätten, ihr Selbstwertgefühl durch externe Bewunderung aufzupeppen.

Mental gestärkt schritt ich mit erhobenem Köpfchen zurück in meine Unterkunft, um mich mutig dem Wollritual zu stellen. Als ich ankam, wartete meine Mitbewohnerin schon auf mich. Allerdings ohne Bürste, jedoch mit Fotoapparat. “Felice, es wird mal wieder Zeit, ein Bild von dir auf Facebook zu stellen. Im Moment siehst du ja total zum Knuddeln aus!”

Was soll’s, dachte ich mir, pfeif doch auf die Rampenmietzen, man nimmt, was man kriegen kann.

Die Katzenstories sind zwischen 2012 und 2016 im Magazin all4pets als regelmäßige Kolumnen unter dem Titel “Felices Tagebuch” – Katzenjammer erschienen. Link zum Magazin:

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