Aller Anfang…

Von |2018-11-04T18:29:49+00:0015. September 2018|Katzenstories|

Wissen Sie, warum mich meine Mitbewohnerin Felice genannt hat? Weil ich sie gleich zu Anfang so glücklich gemacht habe. Sagt sie zumindest. Und ich würde ihr nicht widersprechen, obwohl unsere erste Begegnung für mich ja nicht undbedingt so prickelnd war.
Ich hing gerade mit beiden Pfoten an einem riesigen Plüschkratzbaum, über mir meine Geschwister, unter mir meine Mutter, die uns träge beobachtete und froh war, dass nicht ständig irgendwer an ihr herum saugte. Später, viel später, verstand ich sie.
Ich hing da also, als mich eine fremde Hand am Brustkorb fasste und vom Plüsch wegzog, was ich sogar einige Sekunden erfolgreich mit meinen kleinen Krallen vereiteln konnte.

Schließlich musste ich einsehen, dass es, zumindest zeitweilig, höhere Gewalten gab, in diesem Fall war das ein Mensch. Das war vielleicht was! Der neue Mensch war offenkundig ein Weibchen, eine Frau, und roch fremd und gefährlich. Sie drückte mich vorsichtig an ihre Schulter. Ich kroch sofort an die höchste Stelle, die ich erreichen konnte.

Wenigstens hatte sie ein recht langes Fell, so landete ich schließlich in ihrem Nacken. Dort war es schön dunkel und warm. Blöderweise muss ihr das gefallen haben, denn zwei Wochen später fand ich mich neben ihr am Beifahrersitz eines Autos in einem Plastikkäfig à la Guantánamo wider (Ja ja, ich bin eine gebildete Katze). Draußen rumpelte und rauschte es. Nachdem ich ewig lange und erfolglos nach der Katzentüre gesucht hatte, hockte ich mich resigniert in die Ecke meines Gefängnisses. Ob ich zuvor ausgiebig gejammert und versucht hatte, mit lächerlichem Kleinmädchengehabe Mitleid zu erregen, wie alle anderen? Und wie! Aber es half nichts, also schmollte ich. Na, die würde was erleben! Wenigstens roch es ein wenig nach Mama, zumindest die Decke, auf der ich lag.

Das erste, was ich von meiner neuen Bleibe sah, war das Katzenklo. Unaufregender geht’s ja wohl nicht. Die Frau setzte mich hinein und blickte erwartungsvoll. Wie lächerlich! Aber ich musste tatsächlich Pipi. Also tat ich ihr den Gefallen und deckte alles feinsäuberlich zu, wie ich es ja von meiner Mutter gelernt hatte. Die Frau freute sich über alle Maßen. Menschen! Wie leicht man sie doch beeindrucken kann.

Dann sprang ich sofort davon, ich musste irgendwohin. Am besten hinauf. Hinauf auf die Couch. Ich raste ins letzte Eck. Dort blieb ich zunächst mal sitzen, hinter den Pölstern, und wartete. Irgendwas würde schon geschehen. Ich hörte neue Geräusche, dann ein Rasseln. Das kannte ich. Au ja, Futter! Ich lugte hinter meinem Verschlag hervor. Natürlich glaubte die Frau, sie könnte mich mit diesem leckeren Zeug, das sie in einen Teller gegossen hatte und das so wunderbar roch, ködern. Na ja. Aber ich aß nur ein ganz klein wenig davon.
Danach schnüffelte ich in jedes Eck, sah allerhand lustiges Zeug herumstehen. Das Blatt einer Grünpflanze bewegte ich solange auf und ab, bis ich entdeckte, dass mein Schweif was von mir wollte. Dem lief ich dann hinterher, bis ich wieder im Katzenklo landete. Dort grub ich ein wenig. Irgendwann wurde ich unvorsichtig und spürte ein verhaltenes Streicheln auf meinem Fell. So leicht mach ich‘s dir nicht, dachte ich! So schnell ich konnte, rannte ich unter den Tisch und von dort aus wieder in mein Polsterversteck.

Es wurde Abend. Ich war es gewohnt, in einem riesigen Fellberg einzuschlafen, deshalb fühlte ich mich etwas seltsam.
Nachdem alles still war, wagte ich es, den Raum zu verlassen. Die Zimmertüre der Frau stand offen. Sie schien zu schlafen. Einige Sekunden muss ich wohl am Boden gesessen und die Lage sondiert haben. Dann sprang ich hinauf und legte mich mitten auf die Decke, wo ich ein leichtes Auf- und Absinken spürte, was aber ungefährlich zu sein schien. Das erste Mal an diesem Tag fühlte ich ein wenig Ruhe und Vertrautheit. Ich ringelte mich ein und seufzte. Na ja, vielleicht würde es hier doch ganz nett werden. Ich spürte noch ein sanftes Streicheln zwischen meinen Ohren, dann schlief ich ein.

Von da an hieß ich Felice. Und von da an waren wir Freunde, meine seltsame Mitbewohnerin und ich.

Die Katzenstories sind zwischen 2012 und 2016 im Magazin all4pets als regelmäßige Kolumnen unter dem Titel “Felices Tagebuch” – Katzenjammer erschienen. Link zum Magazin:

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