Sonntagsrauschen

Von |2019-06-10T15:32:20+00:0009. Juni 2019|Erzähltes|

Von irgendwoher eine Stimme, tropfenweise Worte, ein fernes Lachen. Geschirrklappern, das im Sommerwind umhergetragen wird. Meine Augen sind noch fest geschlossen, während mein Körper tief im Gewühl der Laken eingewunden, eingebacken ist. Weich und träge aufgefangen. Noch ein leichtes Traumschauckeln. Nur meine Ohren sind bereits erwacht und malen in meinem Kopf das Szenario, das wohl irgendwo da draußen genauso stattfindet. Ein Nachbar, der mit seiner Spitzharke am Zaun steht, darüber hinweg auf die andere Seite plaudert, Wortfetzen dringen an mein Ohr, “. . . diesen Sommer besonders viel. . . meine Tochter wird wohl . . . spezielle Rosenknospen . . .”
Dann eine Frauenstimme, Mutterstimme. Mutterstimmen klingen irgendwie anders, ganz speziell am Sonntag, ein Ruf ins Innere eines Hauses: “Und bring doch bitte noch Sahne mit”. Untermalt mit flachem, vertrautem Kirchenläuten. Der Hall klingt fern durch wolkenloses Firmament, ein Morgenklang, der einen heißen Tag versprich. Seltsam, wie intensiv alleine Geräusche die Umgebung definieren können, als würde die Lautstärke durch die sonnig warme Luft gedämpft, getragen, gestreichelt. Ein Vogelgesang, viel leiser als bei Tagesanbruch, überlagert von Kinderstimmen, entferntem Autorauschen, einer plötzlichen Melodie, die schnell wieder verstummt, wohl aus Angst, die Idylle des Sonntags zu beschneiden. Dann ein helles Lachen, das mich plötzlich mitzieht, mitten hinein in die Erinnerung an einen anderen Sonntag, in einer anderen Zeit.

Man erwacht als Kind, und als Kind geht man auch wieder zu Bett. Noch tausende Zeitkilometer entfernt vom Müssen, Sollen und Nicht Können.
Vielleicht bin ich zehn, vielleicht bereits elf Jahre alt, aber ich bin noch Kind, ein Mädchen, das aus dem Schlaf heraufkommt, geweckt durch den Duft von frisch gemahlenem Kaffee. Eine gütige Aufforderung, den Tag zu beginnen, gemeinsam zu beginnen. Meine nackten Fußsohlen berühren den Parkettboden, während ich noch traumverloren das Draußen an meine Kinderseele herandringen lasse. Hitzeversprechende Sonnenstrahlen kriechen durch die Fensterpaneelen, ich weiß, dass ein klarblauer Sommerhimmel auf mich wartet. Dann höre ich vertraute Stimmen, motivierte Diskussionen, überlegt vorgetragene Gedanken, Männerstimmen.

Ich öffne die Tür, stampfe noch im Nachthemd die Stufen hinunter in die Küche, wo eine Mutter, meine Mutter, wie in unendlich vielen Kindheitserinnerungen dieser Welt, am Herd steht und etwas Verführerisches in der Pfanne rührt. Sie lächelt mir zu, sagt etwas tausendmal Gehörtes, ein Morgengruß, Worte, die vergessen werden, allerdings glasiert mit einem Gefühl, das bleibt und einem jungen Mädchen einfach sagt: Heute ist noch alles gut, ich bin da, wir sind alle da, bis der Abend kommt, lass dich fallen.
Sie drückt mir einen Korb voller Gebäck in die Hand. Ich schlendere auf die Terrasse, die Bäume begrüßen mich und winken mir zu, als wollten sie sagen: Willkommen an diesem sonnigen Ferientag, der zufällig ein Sonntag ist, eingebettet in andere Ferientage.
Am Tisch mein Vater, vor sich die Zeitung, und in ein Gespräch vertieft mit einem anderen Mann, jünger, viel jünger, meinem Bruder, bereits über die Schwelle des Erwachsenseins getreten, fast schon dort angekommen. Und gegenüber mein anderer Bruder, bereits völlig im Leben der Großen verschwunden, nur heute an diesem heißen Sonntagmorgen wieder Sohn. Ein lebhaftes, wohlmeinendes Wortgefecht über Belanglosigkeiten, die nur sonntags aufgegriffen, da aber zum wichtigen Thema erhoben werden. Ein liebevoller aber abgelenkter Vatergruß, ein beiläufiger Brudergruß und ein Honigglas, das am Tisch steht.

Die Katze, am Rande des Tisches im Gras dösend, blickt kurz auf, um ihr Köpfchen dann gleich wieder auf die silbrig grauen Pfoten fallen zu lassen. Ein Stück Prosa aus dem Alltag herausgeschnitten.
Und dann glockiges Lachen hinter mir. Meine Mutter, die an manchen, viel zu seltenen Sonntagen, dieses Szenario vorfindet und damit schrullig aber satt ihre Lieben beieinander hat. Ein Kännchen Milch, Butter, Marmelade, die auch bereits eine Wespe entdeckt hat, Mohnweckerl, Weißbrot, Toastbrot. Aufgeschnittener Käse und ein Brotaufstrich, den meine Mutter neben mir platziert, weil ich ihn so gerne esse, genauso wie den riesigen Becher Nutella. Ich nippe an einem Glas Orangensaft, mir gleichzeitig bewusst und nicht bewusst, das dies alles tatsächlich etwas bedeutet oder auch nicht. Nicht bewusst, dass Jahrzehnte später einer dieser Tage wie ein heilsamer Ausflug in eine andere Welt erscheinen mag, nicht bewusst, dass Jahrzehnte später zwei dieser Menschen nicht mehr sein werden und das glockige Lachen vielleicht nur mehr hohl im Inneren einer Hülle erklingt.
Die kleinen Mädchenfüße verschwinden, die Männerstimmen verstummen, das Lachen entfernt sich, die alten Bäume winken “Leb wohl”.

Aber dieser vertraute Kaffeegeruch bleibt, holt mich plötzlich an die Oberfläche. Woher?
Da streicht mir eine warme Hand über mein Haar. Ich bewege die Lider und blicke in ein vertrautes Gesicht, mit zerzaustem Haar und freundlichen Augen.
“Der Kaffee ist fertig”, sagt mein Mann, “Frühstück am Balkon?”