Naive Unsterblichkeit

Von |2019-03-18T21:09:23+00:0015. Februar 2019|Interviews|

Was er wohl eher weniger zu sein scheint, ist “unerhört solide”, auch wenn die aktuellen Auftritte von Paul Pizzera und seinem Kabarett- und Gesangspartner Otto Jaus unter gleichnamigem Titel stehen und beide Herren für ausverkaufte Säle sorgen. Doch während Pizzera auf der Bühne professionell und charmant sein Publikum unterhält, ist der Steirer Paul nach wie vor ein “Bua” geblieben. Zumindest sagt er das von sich selbst. Und wir würden ihm da nicht widersprechen. . .

Unser letztes Gespräch ist jetzt schon fast sieben Jahre her, das war ziemlich am Anfang deiner Karriere. Mittlerweile hat sich ja einiges getan. Wie geht es dir mit deinem Erfolg?
Prinzipiell ist Erfolg immer eine Mischung aus Leistung und Zufall. Fürs eine kann man was, fürs andere nicht. Für das Quäntchen Glück, das man dann hat, muss man einfach sehr dankbar sein und beim anderen muss man halt an sich arbeiten. Und wenn man vorher nicht glücklich war, wird man mit Erfolg sicher kein glücklicherer Mensch, bzw. läuft man wahrscheinlich Gefahr, dass man sein Glück von seinem Erfolg abhängig macht.

Du bist jetzt 30, gehörst also zu den sogenannten “Millenials” oder auch zur Generation “why”. Wie siehst du selbst deine Generation so ganz allgemein?
Die Soziologen streiten sich ja darüber, was diese Generation “why” genau ist, aber so wie ich es verstanden habe, geht es um ein Umfeld, in dem man aufwächst, wo es kaum grundlegende Existenzängste gibt. Man ist sehr stark mit der Technik konfrontiert und hat einfach ein viel schnelleres Leben als früher. Das hat alles sicher viele Vorteile, aber ich glaube, es baut auch einen irrsinnigen Druck für viele auf. Denn egal, ob es jetzt auf Facebook die Urlaubsfotos sind oder ähnliches, du siehst immer nur das Beste von den anderen und wie gut es ihnen geht. Das schürt auch irgendwie Neid. Jetzt zum Vergleich: Instagram posts mit “Auffahrunfall-ich bin schuld-scheiße!” kommen eher selten vor. . . Und wenn du ein fesches 15-jähriges Mädel bist, und vielleicht 80.000 Follower hast, weil du vier Bikinifotos am Tag raushaust, ist das kognitiv schon sehr schwer zu verarbeiten, glaube ich. Du ziehst halt irgendwie dein Selbstwertgefühl aus dem, wie du glaubst, dass andere dich sehen. Und in einem gewissen Maß ist das ja auch völlig menschlich.

Spürst du diesen Zusammenhang bei dir auch?
Ich glaube, jeder definiert sich bis zu einem gewissen Grad mit seinem Beruf. Aber gerade, wenn man auf der Bühne steht, muss man ganz stark differenzieren zwischen dem Paul und dem Pizzera. Und da braucht es eine gute Selbstreflexion, aber auch ein cooles Umfeld. Man versucht das gut und gesund zu trennen.

Und wer ist in dem Fall dieser “Paul”?
Ein ganz normaler Bua, der dann halt doch schon 30 ist und in gewissen Phasen kein Bua mehr sein sollte.

Ich habe das Gefühl, das ändert sich nie, ich weiß das von meinem Mann. . .

Ja, stimmt eh, ich mag es auch nicht unbedingt ändern oder das Kind in mir verlieren. Aber mit 23 zum Beispiel war mir schon sehr viel sehr wurscht. Da bin ich halt irgendwie in eine Nebelwand reingelaufen und hab mir gedacht: Probier ma‘s einfach, ist ja völlig egal!
Und je älter du wirst, fragst du dich dann: Ok, wie sieht‘s jetzt aus? Irgendwann willst du ja auch Kinder, etc. . . Man stellt sich einfach andere Fragen, existenziellere Fragen.
Aber bis Ende Zwanzig hat man so eine irrsinnig schöne, naive Unsterblichkeit in sich!

Da passt das Lied “Eini ins Leben” ja recht gut. Woraus entstand denn der Text dafür?
Im Prinzip aus dem, was jeder von sich selbst kennt. Es ist ein bisserl eine Motivationshymne, im Sinne von “Nimm‘s nicht so schwer!” Klar, dass man das selber nicht immer kann. Ich falle bei Gott nicht jeden Tag “eini ins Leben”, ich habe auch oft Selbstzweifel, Ängste und Sorgen. Aber manchmal hast du das eben nicht. Und da geht’s dir einfach gut und du wachst auf und denkst: Heute groovt es irgendwie, heute passt alles!
Und genau für solche Momente ist das Lied geschrieben.

Der Song wird auf YouTube ziemlich oft angeklickt. Liest du eigentlich die Kommentare dazu?
Nein, also YouTube Kommentare darf man sowieso nicht lesen. Man stolpert zwar drüber. Aber wenn du nur halbwegs selbstreflektiert bist und nachdenkst, dann überliest du alles, was schön ist und siehst nur, was schlecht ist.
Ein weiser Mann sagte einmal, dass der Mensch mit Erfolg viel schlechter umgehen kann, als mit Misserfolg. Und da ist sicher was Wahres dran.

So ähnlich, wie es Julia Roberts in “Pretty woman” formuliert: “Wenn man mir hässliche Dinge sagt, fällt es mir leichter, die zu glauben”?
Ja, stimmt, ein guter Satz. Und man kann einfach nicht jedem gefallen, und das soll auch nicht der Sinn deines Schaffens sein. Warum auch? Dafür bist du nicht auf die Welt gekommen. Und ab dem Moment, wo du auf einer Plattform wie YouTube oder Facebook was machst, wird es mindesten einen geben, der das für Mist hält. Und das ist ja auch völlig legitim. Mir gefällt ja auch nicht alles.

Mir kommt vor, du bist trotz deines Erfolges doch sehr am Boden geblieben.

Das hoffe ich, ich mache auch viel, dass das so bleibt.

Und was ist das zum Beispiel?

Viel über mich nachdenken. Wie ich mich verhalte, jemandem begegne. Und nicht in dem Sinne: “Ich bin sowieso der Größte, was soll mir passiere!” Das ist ganz wichtig. Man darf nicht vergessen, wer man ist und sich auch nicht “erhaben fühlen”, wenn man etwas erreicht hat. Das hat was mit Charakter und Kinderstube zu tun.
Es gibt zwei Wege, finde ich, das sieht man oft: Entweder geht‘s in die dankbare Schiene oder in die arrogante. Grundwerte und Moral sollte man, egal, was man erreicht oder nicht erreicht hat, nicht verlernen und vergessen. Peter Rapp sagte einmal sehr weise: “Grüße alle auf dem Weg nach oben, weil auf dem Weg nach unten triffst du sie wieder.” Und so sollte man das, glaube ich, handhaben.

Nachdem du ja den Bachelor in Germanistik hast, wollte ich von meiner Nichte, die ebenfalls Germanistik studiert, wissen, was ich dich denn fragen sollte, außer um deine Telefonnummer. . .  Und ihre Frage an dich gebe ich jetzt weiter: “Du bist die Hoffnung aller Germanistikstudierenden, nämlich dass man doch nicht Taxifahrer werden muss, hast du einen Tipp für die Kommilitonen?”
Puh, einen Tipp, hm. Also, was ich immer dazu sage, wenn man Germanistik studiert: Das wichtigste ist, sich auf alle Fälle mit Kunstgeschichte abzusichern, damit nix passieren kann. Und sonst noch ein Semester Theaterwissenschaften drauf, dann bist save. . . (lacht)
Aber jetzt im Ernst. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Ich selbst habe halt was völlig anders erwartet, als ich zum Studieren angefangen habe. Aber dadurch habe ich auch gewusst, was ich nicht will. Das wichtigste ist, dass man die Freude am Schreiben und am Lesen nicht verliert. Es geht darum, dass du es mit deinen anderen Interessen verbindest. Und einfach nicht an sich selbst zweifeln, sondern an seinen Zweifeln zweifeln.

Zum Abschluss noch meine Lieblingsfrage: Was macht dich glücklich?
Mich macht es sehr glücklich, wenn ich merke, dass das, was ich beruflich mache, Emotionen in den Menschen hervorruft. Aber am glücklichsten bin ich, wenn ich weiß, dass ich ohne das, was ich beruflich mache, auch glücklich wäre.

Danke für unser nettes Gespräch! Unterhalten wir uns in sieben Jahren wieder?
Ja klar, sehr gerne!

Bildnachweis: Beitragsbild, Moritz Schell.

“Naive Unsterblichkeit” ist im Magazin “grazIN”, Ausgabe 01/2019, erschienen:

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