Folgen Sie mir auffällig

Von |2019-03-29T13:10:22+00:0029. März 2019|Interviews|

“Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen”, meinte einst Ludwig Wittgenstein.
Schweigen ist es nicht, was Florian Scheuba auf der Bühne auszeichnet. Es ist vielmehr das Aussprechen, das Ansprechen und das Aufklären. Eine Herausforderung in unserer etwas verqueren Zeit, wo Wahrheit und Fake scheinbar so nah beieinander liegen.
Was ihn antreibt, inspiriert, und was Wahrheit für ihn bedeuten, erzählt uns der 53-jährige Kabarettist in einem sehr anregenden Gespräch vor seinem Auftritt in Graz.

In Ihrem aktuellen Programm geht es unter anderem um die Bedeutung von Wahrheit in unserer heutigen Zeit. Gibt es für Sie diese eine Wahrheit?
Wahrheit ist für mich kein für den Menschen erreichbares Ziel, sondern eine Richtung. Ich vergleiche das immer mit dem Erdkern: Es ist Menschen technisch nicht möglich, bis zum Erdkern vorzudringen, aber wenn wir es versuchen wollen, wissen wir zumindest, dass wir nach unten graben müssen und nicht nach oben. Und das ist auch mein Verständnis von Wahrheit. Es geht ebenfalls um eine Richtung und es gibt Dinge, die wahrer sind als andere. Ich glaube nicht, dass Wahrheit per se in ihrem reinsten Zustand den Menschen zugänglich ist, aber ich glaube, dass man sehr wohl differenzieren muss. Da fühle ich mich wirklich ganz klassisch dem Gedanken der Aufklärung verpflichtet und sage: Wenn wir aufhören, zwischen mehr und weniger wahr zu unterscheiden, dann müssen wir zusperren!

Haben Sie eine spezielle philosophische Richtung, der Sie sich zugehörig fühlen?
Ich bin etwas skeptisch mit Schubladisierungen. Es gibt viele Denker der Aufklärung, die mir sympathisch sind. Diderot zum Beispiel hat Großes geleistet. Mich haben immer wieder Menschen begeistert, die sich dem Gedanken der Aufklärung verpflichtet gefühlt haben.
Ich selbst fühle mich in diesem Sinne keiner Richtung zugehörig: Ich bin weder ein kämpfender Atheist noch ein kämpfender Rationalist.

Sie thematisieren oft die zunehmende Absurdität der Realität.
Wird Kabarett im Grunde schwieriger, wenn sich die Realität der Satire immer mehr annähert, weil diese immer absurder wird?
Der Begriff Satire wird in letzter Zeit oft missbraucht, weil im Netz viele Erfinder tatsächlicher Fake News unterwegs sind, die  Lügen verbreiten und dann behaupten, es sei Satire.
Ich stehe natürlich auch vor dem Problem, dass mir die Menschen, wenn ich auf der Bühne etwas erzähle, manchmal nicht glauben. Satire spielt ja auch mit Zuspitzung und es erfordert schon eine gewisse Wachheit des Publikums, das zu realisieren. Oft kommt dann der Punkt, wo ich sagen muss: “Okay, Freunde, es ist echt, glaubt es mir!”

Wie denken Sie über Humor?
Humor ist schlussendlich so etwas Ähnliches wie Musikalität. Wenn du musikalisch bist, wird dir Musik Freude machen, dann setzt du dich gerne damit auseinander und dann kann sie etwas in dir auslösen. Wenn du nicht musikalisch bist, wird sie dir ein Rätsel bleiben. Mit dem Humor ist es ähnlich: Humor ist eine gewisse Grundhaltung zur Welt an sich, weil er letztendlich auch eine Form der Weltdistanz ist.

Haben Sie für sich selbst eine Lebensphilosophie?
Mir geht es schon sehr darum, bewusst zu leben, bewusst zu genießen und sich den Luxus der eigenen Existenz in dieser Welt, in der wir leben, immer wieder bewusst zu machen.
Der Schlüssel für mich ist oft die Zeit, die man sich dafür nimmt. Ich bin absolut genussfähig und genussfreudig, ich esse gerne gut und trinke gerne guten Wein.
Letztlich ist der springende Punkt aber immer die Zeit, die man sich dafür nimmt.

Gehört für Sie zum Genuss auch die richtige Gesellschaft?
Für mich gibt es einen Schlüsselbegriff, und der ist Freundschaft. In meinem Beruf ist die Grenze zwischen privat und beruflich völlig erodiert. Da geht das eine ins andere über. Ich hatte immer das Glück, dass ich mit Freunden zusammengearbeitet habe, ich konnte es mir also bei den verschiedensten Projekten, die ich gemacht habe, fast immer aussuchen. Und das ist schon eine spezielle Qualität, die ich sehr schätze, denn vieles in meinem Beruf fällt wesentlich leichter, wenn es beim Arbeiten eine strikte Trennung zwischen privat und beruflich eben nicht gibt.
Bewusstes Leben hängt für mich, so wie es mit Genuss zusammenhängt, genauso auch mit Freundschaft, Beziehung und Resonanz zusammen.

Was raten Sie anderen, was glücklich macht?
Ich bin sehr vorsichtig, was Ratschläge anbelangt. Es sind immer ganz individuelle Situationen, in denen etwas für jemanden auf eine bestimmte Weise funktionieren kann. Und ich maße mir nie an, zu sagen, du musst das oder jenes machen und dann funktioniert deine Partnerschaft oder dann wirst du glücklicher im Leben. Ich bin besonders skeptisch gegenüber jenen, die so etwas behaupten. Es gibt Menschen, die haben eine Grundunruhe in sich, dass sie zum Beispiel in einer schönen Gegend angekommen sind, wo sie sagen könnten: Jetzt lebe ich bewusst. Aber sie können es nicht. Und wer wäre ich, so jemandem das zum Vorwurf zu machen? Wenn diese Unruhe in ihnen steckt, dann werden sie vielleicht noch draufkommen. Wenn sie überhaupt nicht vorhanden ist, dann macht diese Menschen vielleicht genau das glücklich, ständig woanders sein zu müssen in der Weltgeschichte und an keinem Ort bleiben zu können. Auf mich trifft das nicht zu, aber ich bin da eben sehr vorsichtig mit Ratschlägen.
Dennoch wage ich zu behaupten, dass bewusst zu leben keine schlechte Voraussetzung ist, um im Leben zufriedener und glücklicher zu sein.

Was macht Sie persönlich glücklich?
Sehen Sie sich das Programm an: Zum Schluss spreche ich übers Glücklichsein (lacht).
Im Grunde ist es das, worüber wir gerade gesprochen haben, ganz schlichte Dinge und Fundamentales wie meine Frau und meine drei Kinder. Das alles ist definitiv eine große Glücksquelle!

Redaktionelle Anmerkung: Am Schluss seines aktuellen Kabarettprogrammes berichtet Florian Scheuba von einer sehr frühen Begebenheit auf der Bühne. In der ersten Reihe erblickte er eine bildhübsche Frau, der er direkt von der Bühne herab erklärte (und das war unüblich für ihn), dass er es sehr schön fände, wenn sie nicht gleich nach Ende der Vorstellung gehen würde. Sie blieb. Und zwar für die nächsten 30 Jahre . . .

“Das Interview ‘Folgen Sie mir auffällig'” ist im Magazin “Abenteuer Philosophie”, Ausgabe 02/2019, erschienen:

Abenteuer Philosophie