Wi(e)der Stand der Dinge

Von |2019-02-03T14:25:48+00:0003. Februar 2019|Kleines Philosophikum|

So, da bin ich wieder. Sie und ich, wir haben uns ja schon einige Zeit nicht mehr gesprochen. Verstehen Sie mich nicht falsch, das war nicht Ihr Fehler, das war natürlich meiner. Schließlich habe ich mich länger nicht mehr bei Ihnen gemeldet. Vielleicht fragen Sie sich jetzt auch “Er ist weg gewesen?”, oder “Der ist schon mal da gewesen?” oder auch ganz praktisch gedacht “Wo auch immer ‘weg’ sein mag, warum ist er nicht dort geblieben?”. Das sind alles überaus berechtigte Fragen, leider kann ich jedoch keine davon beantworten. Versuchen kann ich mich lediglich an der Beantwortung der Frage, wieso ich eigentlich weg war.

Die Wahrheit ist, weil ich einige Jahre einfach nichts zu sagen hatte. Na gut, Sie verdienen die volle Wahrheit: weil ich mir einige Jahre selbst nichts zu sagen hatte. Ganz stimmt das auch nicht, aber ich hatte mir zumindest nicht sonderlich viel zu sagen. Und auch dabei hat es sich im Wesentlichen immer um dasselbe gehandelt. Daher schien es genug zu sein, dies unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu erledigen. Möglicherweise denken Sie jetzt “Warum bloß, hat er nicht an dieser bewährten Strategie festgehalten?”.

Das zu beantworten, ist allerdings wieder deutlich schwieriger. Ich würde Ihnen dazu gerne ebenfalls eine ehrliche Antwort liefern. Allein, ich bin mir nicht sicher, diesbezüglich im Besitz des Wissens über die entsprechenden Tatsachen zu sein. Am plausibelsten scheint mir die Theorie mit dieser einen Stimme zu sein. Eine Stimme, die ich immer wieder gehört habe, die mir eingeflüstert hat, doch wieder zu schreiben, etwas mitzuteilen. Denen da draußen. Zuerst war sie eher zaghaft. Über die Jahre wurde sie jedoch immer lauter. Und zuletzt kam es mir so vor, als hätte sie mich doch recht eindringlich ermahnt, mich nicht ständig so zu zieren und den Worten nicht länger im Wege zu stehen. Nun gut, so ist sie eben, die Stimme meiner Frau, wenn ich wieder einmal 3 bis 4 Jahre brauche, um einen ihrer Wünsche zu erfüllen.

Es heißt ja, man solle vorsichtig damit sein, was man sich wünscht, weil, wenn es dann wahr werden sollte, muss man auch damit leben. Ein Moment dieser Art könnte jetzt für meine Frau gekommen sein, denn die Lektüre dieser Zeilen wird für sie keineswegs eine freiwillige sein. Ich finde das fair, wo sie sich doch wesentlich kürzer mit dem Lesen quälen wird, als ich mit dem Verfassen.
Alle anderen, also vor allem Sie, haben selbstverständlich jederzeit die Möglichkeit einfach mit dem Lesen aufzuhören. Da halte ich nichts von Zwang, weil ja freiwilliges Publikum auch wesentlich entspannter ist. Sonst könnte ich gleich Schulbuch-Ghostwriter oder ähnlich perverses werden. Sollte Ihnen der Text nicht zusagen, könnten sie es sich mit ihm dennoch etwas behaglich machen, indem sie ihn einfach zum Heizen verwenden. Denken Sie davor aber darüber nach, wie sich das auf Ihren CO2-Fußabdruck auswirkt, und eventuell wäre es auch ratsam, davor das Konsumationsmedium zu ändern. Nicht, dass mir dann Klagen kommen. Oder Klagen.

Eine andere Sache könnte auch noch dazu beigetragen haben, dass ich wieder da bin. “Etwas zu sagen zu haben”, scheint in den Jahren, in denen ich weg gewesen bin, doch recht deutlich unter Inflation gelitten zu haben. Es scheint keine notwendige Voraussetzung mehr zu sein, um auch tatsächlich etwas zu sagen. Wie mir scheint, stecken wir in einer Inhalts- bzw. Aussagenkrise, einer Wort-Depression sozusagen. Man ist nicht länger gehemmt von dem lästigen Anspruch, etwas Sinnvolles von sich geben zu müssen, oder zumindest Sätze mit Subjekt, Prädikat, und in hochtrabenden Fällen, einem Objekt. Nein, heute gelten moderne Kleinode der literarischen Finesse, wie „Ja voll!“ oder “Oida,. . . vastehst”, bereits als abendfüllende Beiträge zur Diskussionskultur. Betrachten Sie einen gewissen Donald Trump diesbezüglich als Beweisstück A. Der ist ganz bestimmt eh auch irgendwie lieb oder ähnliches, aber sagen wir es einmal so: Ein Limbo unterhalb der „Etwas zu sagen haben“-Latte, wird sich da nur mehr für Hyperflexible ausgehen. So betrachtet, lässt sich für handelsübliches Alltagsprosa durchaus eine bequeme kleine Nische einrichten.

Sei’s drum, man soll es ja eher gemächlich angehen lassen, wenn man eine Sportart nach langer Zeit wieder ausübt. Deshalb werde ich heute nicht noch ungebührlicher über die Stränge schlagen. Sollten Sie bis hierher durchgehalten haben und nicht meine Frau sein, dann besteht die Hoffnung, dass Sie das auch in Zukunft schaffen. Vielleicht hören wir dann jetzt wieder häufiger voneinander hören. Es würde mich freuen.